Der Wunsch, das Wahrnehmungsbild, das der Mensch sich – kraft seines Augen- bzw. Sehsinns – von der Natur machen kann, täuschend „echt“ wiederzugeben, hat in der Geschichte der bildenden Künste1) Tradition.
Von einem klassischen Fall im Bereich der Malerei berichtet schon Plinius der Ältere (ca. 23 bis 79 n. Chr.) In seiner „Naturalis historia“ schreibt er u.a. über einen Wettstreit, der sich einige Jahrhunderte zuvor in Griechenland abgespielt haben soll. Zwei bildende Künstler wetteifern um den Ruhm, der beste Maler zu sein. Wer mittels seiner bildnerischen Darstellungsfähigkeit der Natur am nächsten käme, der sollte gewinnen.
Der eine, Zeuxis, malte so naturgetreu, dass die dargestellten Trauben von herbeifliegenden Vögeln angepickt wurden. Siegesgewiss forderte Zeuxis daraufhin seinen Konkurrenten Parrhaisios auf, den Vorhang vor dessen Bild wegzunehmen. Überrascht und beschämt muss Zeuxis dann allerdings erkennen, dass er selbst durch die Kunst des Parrhaisios getäuscht worden war; der Vorhang war „nur“ gemalt.
Höchste „bildende“, also gestalterische Kunst wird in diesem Beispiel als die Fähigkeit beschrieben, ein der Natur – zumindest auf den ersten Blick – zum Verwechseln ähnliches Bild bzw. Produkt zu schaffen.
1) Der Sammelbegriff Bildende Künste umfasst alle visuell gestaltenden Künste („bildend“ im Sinn von „gestaltend“); traditionell gehören dazu die Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Zeichnung und Grafik sowie das Kunsthandwerk.
