Alles Ziege

Seit mehr als 10.000 Jahren leben Mensch und Ziege in einer vielseitigen aber auch ziemlich einseitigen Zweckgemeinschaft. Die Ziege hat einiges zu bieten und der Mensch profitiert:

Der Paarhufer stellt seine Geländefähigkeit bis heute als Pfadfinder und Lastenträger vor allem in den Dienst von Gebirgsbewohnern. Heute noch stellen sich Ziegen in den Dienst der Feuerwehr Kaliforniens. Dort fressen sie Brandschneisen durch das dornige Gestrüpp, das die steilen und unwegsamen Berghänge bedeckt. Lange Zeit war die Ziege eine treue Begleiterin der Seefahrer. Sie schätzten „die Kuh des armen Mannes“ wegen ihrer robusten Natur, ihres Potenzials als Milch- und Fleischlieferantin gepaart mit erstaunlicher Genügsamkeit. Unter Pferdebesitzern hat die Ziege den Ruf einer idealen Sozialpartnerin für einen tierischen Schützling, der krankheitsbedingt im Stall eingesperrt bleiben muss. Sozusagen als Alleinunterhalterin therapiert die Ziege jede drohende Krankenbett-Depression.
Heutige Wissenschaftler gewinnen aus der Milch gentechnisch veränderter Ziegen das Eiweiß Anti-Thrombin, einen Blutverdünner, der früher aus menschlichem Blut extrahiert werden musste.
Auch die Liste der Vitamine, die in der Ziegenmilch enthalten sind, kann beeindrucken: A, B1, B2, C, D, E. Diese Buchstabenfülle verheißt eine solide Mangelprophylaxe, die – wie bereits erwähnt – auch die Seefahrer gerne nutzten.
Auch die Qualität des Ziegenfleisches klingt überzeugend. Es hat weniger Fett als das von Hühnern und verfügt über mehr Eiweiß als das von Rindern.
Wer der Ziege also bisher keine Beachtung schenkte, den sollte ihr Potenzial verblüffen: Sie wirkt als Pfadfinderin, Lastenträgerin, Feuerwehr-Assistentin, Mitfahrerin zur See, Pferde-Therapeutin, Vitamin-Wunder, Anti-Thrombin- und Fleisch-Lieferantin. So stellt die Vieles-Könnerin Ziege sich in den Dienst des Menschen. Seine Dankbarkeit oder Wertschätzung steht dazu in krassem Widerspruch.

Quelle: Johannes Mitterer: Völker schaut auf diese Geißen!, in: DIE ZEIT, Nr.8, 2015