Als Achille Castiglioni 2002 mit 84 Jahren stirbt, trauert die Szene der internationalen Designer-Stars.
Michele De Lucchi: „Er hat nicht mit dem Zeichenstift entworfen, sondern mit dem Kopf.“
Philippe Starck: „Ohne ihn gäbe es uns gar nicht!“
Norman Foster: „Er war mein Held.“
Vater Giannino Castiglioni war noch an den Arbeiten am Mailänder Dom beteiligt, als Bildhauer. Seine drei Söhne ziehen das Architekturstudium vor. Mit 26 wird Achille, der jüngste, in die Architektengemeinschaft seiner Brüder aufgenommen. Bauaufträge sind zu dieser Zeit rar. Livio, der älteste der drei, steigt deshalb nach ein paar Jahren aus. Doch Achille und Pier Giacomo machen, was ihrem erfolgreichen Beispiel folgend später viele Designer tun werden. Sie verlegen ihr Augenmerk vorwiegend auf die Innenarchitektur und die Gestaltung von Kleinobjekten.
Erste Produkte entstehen. Der Vater, der ihre Arbeit kritisch beobachtet, bringt das Design-Konzept und das damit verbundene hohe ästhetische Risiko auf den Punkt: „Ihr nehmt immer nur weg, irgendwann ist gar nichts mehr da.“ Der Bildhauer kennt diesen schwierigen Balance-Akt zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig des Weglassens. Die Designer-Brüder suchen diese – ursprünglich bildhauerische – Herausforderung auf ihre ganz eigene Weise und wollen durch Weglassen des technisch Überflüssigen zum Eigentlichen, zum Wesenskern ihrer Produkte kommen. Auch nach dem Tod seines kongenialen Bruders Pier im Jahr 1968 bleibt Achille diesem Grundsatz absolut treu. Intuitiv bezieht er dabei in sein Schaffen immer wieder die heimliche Aura der handwerklich definierten Gebrauchsgegenstände mit ein.
Zur Inspiration sammelt er vermeintlich banale, klassische Werkzeuge und Alltagsgegenstände. In dem als Museum zugänglichen Atelier kann man heute noch erahnen, wie der kreative Kopf des Designers gearbeitet haben könnte. Dort ist die geniale Kombinatorik des Achille Castiglioni ansatzweise nachvollziehbar. Etwa im Aha-Effekt eines Traktorsitzes, der in der schlicht noblen Verkleidung als Sitzmöbel seine Betrachter zum Lächeln bringt.
Fragen bleiben: Hat ein Fahrradsattelhocker („sella“ bei zanotta: ) tatsächlich einen Design-Preis verdient? Passt ein wippender Traktorsessel („mezzadro“ bei zanotta: ) wirklich in die bürgerliche Wohnung? Ist eine Stehleuchte („toio“ bei FLOS), die nur aus ihren Funktionsteilen besteht, ein modischer Design-Gag oder ein echter Klassiker?
