… über meine Schafe

“Northern Europeans have been making life-size sheep toys for children for decades, which work well in both adult and children spaces and serve as stand-ins for the elusive Lalanne sheep sculptures.”

Diese Aussage ist so – oder so ähnlich – immer wieder zu lesen.

Im Hinblick auf eines der von mir erstmals 1978 gestalteten und von Meier.Germany produzierten Schafe ist diese Behauptung absolut nicht zutreffend.

Die Entwicklung des #hannspeterkrafftsheep bzw. der KrafftMeier-Schafe hat eine ganz eigene Geschichte.

Ausgangspunkt war eine Spaßwette zwischen dem „Gäules“-Macher Horst Meier und dem Pädagogik-Studenten Hanns-Peter Krafft. Der eine hatte Lust auf Machen und Gestalten, der andere hoffte auf eine Umsatz- und Gewinn-Steigerung.

Innerhalb von 6 Monaten wollte der Student in der Werkstatt von Meier ein „neues“ serienreifes Produkt entwickeln, das im Rahmen der Nürnberger Spielwarenmesse auf seine Marktchancen getestet werden sollte; falls es überhaupt so weit käme.

Für den jungen Möchte-gern-Designer waren Art und Materialien der Meier’schen Schaukelpferd-Produktion höchst bemerkenswert und ästhetisch äußerst reizvoll: Kiefernholz, Hobelspäne, Jute, Fell, Filz, Leder, Weiß-Leim. Das alles roch ja geradezu nach der Öko-Welle, die in den 70er- und 80er-Jahren auch den Chic deutscher Wohnzimmer prägte. Machart und Materialien passten ebenso zum Zeitgeschmack wie der allgemeine Wunsch nach einem tierischen Hausfreund und nach Öko.

Welches Tier könnte also am besten in die gemeinsame Wohn-Welt von Eltern und Kindern in dieser Zeit passen?

„Der sichtbar gestaltete Ausdruck hoher Zustände ist dem der Blödheit nicht unähnlich.“

Dieser zufällig gefundene Satz von Robert Musil „zur Psychologie des Schafs“ gab dem „Produkt“ seine tierische Identität. Der von Musil definierte Doppelcharakter des Schafs, wenn er denn gestalterisch erreicht werden könnte, sollte faszinieren.

Durch den genetischen Zusammenanhang mit der von Meier praktizierten klassischen Schaukelpferd-Herstellung kam es ziemlich rasch zu ersten sichtbaren Ergebnissen. Hocker mit 4 gleichen Beinen, Wanst- und Halsbrett, ein Körper mit Jute bezogen und mit Hobelspänen gepolstert, und ein massiver Holzschädel. Schon die ersten Prototypen überraschten positiv. Trotz – oder wegen – der durch den kleinen Maschinenbestand gegebenen Beschränkungen. Sie bestimmten die notwendige Abstraktion und gaben den Weg für ein mit Wollplüsch oder Fell veredeltes Sitzmöbel vor, das sich auch als Dekorations-Objekt oder Schaukeltier eignete.

Zur Entscheidung der Spaßwette kam es – wie vereinbart – anfangs Februar 1979 in Nürnberg. Bereits am ersten Tag der Spielwarenmesse wurden mehr als 200 Schafe bestellt. Das KrafftMeier-Schaf war auf dem Markt angekommen.

„Meine“ Schafe stellen also nachweislich keine Erwiderung auf die von François-Xavier und Claude Lalanne gestalteten Schafe dar. Genau genommen waren die ersten von Hanns-Peter Krafft entworfenen und gemeinsam mit Horst Meier gefertigten Schafe sehr enge Verwandte der „Meier-Gäule“.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten habe ich meine Schaf-Familie von ihrer Pferde-Vergangenheit gänzlich abgenabelt. Die Abstraktion wurde erhöht, die Materialwahl eingeschränkt. Durch die aktive Nachfrage der Partner-Unternehmen gelang es mir, die Schafe in Lebensgröße (Schafe, lebensgroß) vielfältig zu modifizieren – stehend, liegend, grasend, naseweis – und entsprechend durch eine Produktgruppe im Miniatur-Format (Schafe, mini) zu ergänzen.

Das Sortiment umfasst derzeit mehr als fünfzig Schaf-Typen, die weltweit nachgefragt und verkauft werden. Der Katalog von Meier.Germany präsentiert genau so viel Schaf, wie durch Maschinen unterstützte Handarbeit machbar ist. (Also alles andere als eine Replik zu Lalanne.)

Hanns-Peter Krafft, Dezember 2015